Woke Kampfbegriffe

oder die Faulheit der Gerechtigkeitskrieger

Ursprünglich komme ich ja – um es mit unserer Außenministerin zu sagen – „aus der Argumentationstheorie“. Insofern finde ich die Verteidigungsstrategie von Woken mit dem „rechten Kampfbegriff“ – ebenso, wie vorher bei den Social Justice Warriors (SJW) – wirklich faszinierend.

Ursprünglich waren „Woke“ und „Social Justice Warrior“ positiv konnotierte Selbstbezeichnungen für Überzeugungstäter aus einem vermeintlich linken Spektrum. Wikipedia beschreibt das so

Noch im 20. Jahrhundert wurde der Begriff überwiegend positiv genutzt, etwa seit 2011 ist er jedoch negativ konnotiert.

https://de.wikipedia.org/wiki/Social_Justice_Warrior#Begriffsgeschichte

Kritiker der woken Ideologien verwenden diese Bezeichnung, um die von ihnen kritisieren Positionen, jener Personengruppe zuzuordnen, die die kritisierten Einstellungen vertreten. Das ist nicht unüblich, wenn spezielle sozialdemokratische Schuldenpolitik oder christsoziale Vetternwirtschaft oder Grüne DNA-Themen wie der Atomausstieg kritisiert werden. Bei woken Themen gibt es leider selten konkrete Organisationen, die kritisiert werden können. Es gibt nicht einmal eine passende politische Ausrichtungen. „Links“ würde vermutlich die meisten klassischen linken Arbeiterkämpfer beleidigen. Deswegen verbleibt nur die selbstgewählte Bezeichnung dieser Ideologen, wenn man jene kritisieren möchte, die z. B. Konstrukten wie der kritischen Rassentheorie oder dem Gendern anhängen. „Woke“ oder „Social Justice Warrior“ ist das nun mal der kleinste gemeinsame Nenner für die Nischenaktivisten. Und dann ist es ewig das gleiche Spiel. Sobald diese Kritiken einen Tipping-Point in der öffentlichen Wahrnehmung erreichen, werden die ehemals positiven Selbstbezeichnungen plötzlich als „rechte Kampfbegriffe“ reframed.

Zugegeben, viele Kritiker kommen aus dem eher konservativen Lager. Wobei konservativ hier nicht zwingend rechts ist. Und selbst rechts gilt in der Regel nur, wenn wir so tolerant sind und mit „rechts“, die klassische Definition wählen, wonach rechts der CDU-Außenflügel ist, jenseits dessen es in der Kohl-Ära keine demokratische Kraft geben sollte. Aber auch viele klassisch Linksorientierte kritisieren woke Positionen. Populär sind hier sicherlich Sahra Wagenknecht, die plötzlich in der Nazischublade landet oder SPD-Mann Wolfgang Thierse, der umgehend mit dem linken Kampfbegriff „Alter weißer Mann“ attackiert wird. Dabei ist es verständlich, dass sich linksorientierte Politiker gegen das Kapern des Begriffes „links“ durch eben jene ideologischen Überzeugungstäter wehren. Viele von deren Positionen haben eigentlich wenig mit progressiven linken Ideen im ursprünglichen zu tun. Meistens sind sie nicht einmal progressiv, sondern zementieren Rassen- und Geschlechterstereotype.

Ablenkungsmanöver „rechter Kampfbegriff“

Letztendlich ist das Abstempeln von „Woke“ und „SJW“ als „rechter Kampfbegriff“, ein klassischer Red Herring: Eine Ablenkung von Schwächen der eigenen Ideologie durch Unterstellung einer menschenverachtenden Gesinnung des Kritikers oder ähnliche Taschenspielertricks aus der Fallacy-Kiste des Argumentationstheoretikers. Es ist eine diskussions- und argumentfreie Blockade gegen Kritik. Frei nach dem Motto „Wenn es von rechts kommt, brauchen wir uns nicht damit auseinander zusetzen.“ Man könnte es als Sonderform des Argumentum Ad-Hominem bezeichnen. Im Gegensatz zu einer konkreten nachweisbaren Eigenschaft („Als Grüner/SPD-Minister/Mitglied der Werte-Union haben sie doch keine Ahnung“) wird eine nicht konkret bewiesene Eigenschaft des Kritikers an den Pranger gestellt, um seine Kritik zu entkräften. Dabei ist selbst eine reale Eigenschaft schon einer der größten Rohrkrepierer in der Defensivdiskussion, denn gerade Gegner einer Ideologie verstehen es meist hervorragend, deren Schwächen auf den Punkt zu bringen.

Der Fester-Fallacy

Noch weniger hilfreich ist es, sich die anzuprangernde Eigenschaft auszudenken. Eigentlich ist dieser Argumentationsfehler so abstrus, dass er einen eigenen Fallacy verdient hat. Im Andenken, an die peinliche Verteidigung gegen die massive Kritik an einer peinlichen Bundestagsrede, schlage ich hier „Fester-Fallacy“ als Namen vor,

Hinzukommt, dass nicht jeder Kritiker von Feminismus, Transaktivisten oder eben SJWs rechte Positionen vertritt. Mein politischer Kompass ist z. B. irgendwo im links-libertarian Bereich zwischen Bernie Sanders und Noam Chomsky eingependelt, trotzdem kann ich auch als überzeugter Freund der Gleichberechtigung die Mängel von Ideologien benennen, die sich Gleichberechtigung sehr halbseiden auf die Fahnen geschrieben haben und eher ausreden suchen, weil warum gleiche Rechte nicht automatisch zu einer Gleichstellung führen

Nicht jeder, der Woken oder SJW unterstellt, sie verkörperten eine perfide Form der machiavellistischen „Teile und Herrsche“-Philosophie (und sind damit eher Handlanger der Mächtigen als ihre Gegner) ist „rechts“. Einige haben nur ein ausreichend gutes Gedächtnis, um sich zu erinnern, was linke Positionen im Ursprung mal waren, und wissen, dass die Glaubenskrieger der sozialen Gerechtigkeit wenig tun, um diese zu stärken.

Es ist einfach Faulheit von der Woken, Kritik an ihren Ideen und Positionen immer als rechten Shitstorm abzutun. Damit schafft man sich seine Bubble, in der Politik vor sich hin degenerieren kann, bis man absolut nichts mehr mit dem Volk zu tun hat, das man eigentlich vertreten soll.

Politische Evolution

So wie in der Evolution neben der Mutation die Selektion der primäre treibende Faktor für Entwicklung ist, weil die Mutation als Verbesserung bestehen muss, so ist in der Politik neben „Innovation“, der bestimmende Faktor „Kritik“. Innovation muss in der Politik gegen den Selektionsdruck der Kritik Bestand haben. Das tut sie nicht, wenn sie diese Kritik einfach als „rechten Shitstorm“ abtut, nur weil es leider in der Natur der Sache liegt, dass Konservative (nicht Rechte) häufiger die Kritisierenden sind.

Aber auch Leute, die gesellschaftliche Veränderung wollen und wichtig finden, können diese Ideologien kritisieren, denn sie wissen, dass das Klammern an Verschwörungstheorien wie dem Patriarchat keine nachhaltige Verbesserung bringt. Es bietet nur eine Ausrede für das eigene Scheitern, die der 20-jährige weiße Schulabbrecher, der von Hartz IV lebt, nicht hat.

Letztendlich sind diese Entwicklungen Ausdruck der Wohlstandsverwahrlosung von politischen Ideen, die sich nie als die Überzeugenderen im Diskurs beweisen mussten, weil sie sich ungestört im intellektuellen Safe-Space des universitären Vakuums entwickeln konnten. 70 % der Bevölkerung als Rechts abzuwerten, weil sie Gendern ablehnen ist kein Diskurs. Es ist auch kein Diskurs, von weißer Zerbrechlichkeit zu faseln, nur weil eine Mehrheit keinen Betrag zum Altersvorsorgekonzept einer Soziologin ohne Mehrwert wie Robin DiAngelo leisten will.

Zugeben im Zeitalter von Social Media, wo jeder intellektuell Zurückgebliebene auf dem Niveau eines 6-Jährigen seine 288 Zeichen hämmern kann, sieht man sich auch mit deutlich mehr unterirdischen Kommentaren konfrontiert. Aber auch das gehörte schon immer zur Auseinandersetzung mit Kritik, die Spreu von dem Weizen zu trennen. Für einige Kommentare hat der liebe Gott den Blockieren-Button, die Ablage P, oder die Meldestelle bei der Staatsanwaltschaft erfunden. Aber nur auf diese Spreu zu schauen, und und selbst beim Weizen „frauenfeindlich“ oder „rechts“ zu zetern, damit man sich nicht mit der herausfordernden echten Kritik beschäftigen muss, ist leider intellektuell nicht viel reifer.

Meinen Kindern habe ich versucht beizubringen, dass sie sich fragen sollten, warum eine Äußerung verletzt. das ist meist nachhaltiger als die Forderung nach einem Safe-Space. Wenn ich weiß, dass sie von einem Idioten kommt, verletzt es mich nicht. Wenn er kein Idiot war und es verletzt mich, dann ist es Zeit ein wenig Cultural Appropriation zu betreiben, und den alten Indianer zu zitieren, der da sagte:

Getroffene Hunde bellen

Und wenn ein kluger Mensch getroffen hat, sollte man vielleicht an der Optimierung seiner Ideologie arbeiten, damit man das nächste mal von der Kritik nicht mehr verletzt wird.

Bedauerlicherweise erschafft die gegenwärtige Diskussionsunfähigkeit, die lieber von Alternativlosigkeit fabuliert statt die bestmögliche Lösung zu erarbeiten, diese degenerierte politische Kaste, für die irgendwann niemand mehr Verständnis hat. Und wenn die Leute irgendwann vollends frustriert sind, und dann Trump. Le Penn oder irgendeinen anderer Vollpfosten kommt, der Veränderung verspricht, dann wählen sie ihn nicht, weil sie Rechts sind, sondern weil die woke Linke keine sinnvolle Alternative anbieten konnte, die den wählenden Arbeiter oder die Büroangestellte irgendwie weiterbringt.

Dann werden sich die frustrierten Linken mit großen Kulleraugen ansehen und sich fragen „warum?“.

Und die wirklich aufgeweckten werden es mit Jonathan Pie halten, der zur Trumpwahl der sehr treffend bemerkte:

“How Shit have you got to be to lose to that”

Donald Trump: how & why…

2 Kommentare zu „Woke Kampfbegriffe

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