Die Mary-Sue der deutschen Politik

Zugegeben, die Diskussion um den CV von Annalena Baerbock könnte man als kleinkariert und „typisch Deutsch“ bezeichnen. Im Prinzip würde die Schönfärbung des einen oder anderen Praktikums und die Mitgliedschaft in der einen Organisation mehr oder weniger niemanden interessieren, wenn der CV der gewollten Bundeskanzlerin ansonsten ansehnlich gefüllt wäre.

Der Grund warum der „missverständliche Eindruck“ bei ACABaerbock so unangenehm aufstößt, ist, dass es da keinen Punkt gibt, der einem wirklich Vertrauen gibt, dass sie Kanzlerkompetenz hat. Wer hier Sexismus unterstellt und glaubt, das das bei Männern weniger passiert, der muss sich nur an den letzten Jungüberflieger der CSU erinnern, der in seiner Zeit als Verteidigungsminister auch auseinandergenommen wurde.

Wenn man ihren Lebenslauf mal mit den Lebensläufen der Altkanzler und -kanzlerin vergleichen, kommt schon das Gefühl auf, dass nur eine Quote so prestigeträchtige Posten wie Parteivorsitzende oder gar Kanzlerkandidatin ermöglicht hätte. Einen prestigereichen Posten als Völkerrechtler, irgendwo an einem namhaften Gericht oder einer namhaften Kanzlei würde sie damit nicht bekommen, selbst wenn die gepimpten Stellen niemand überprüft hätte.

Mary-Sue als Rollenmodell

Es wirkt so, als wäre Annalena Baerbock die Mary Sue der Politlandschaft. Wer den Begriff aus der Filmkritik nicht kennt: Das sind die unglaubwürdig perfekten Frauencharaktere wie die weibliche Heldin Rey in der neuen Disney Star Wars-Trilogie, die im Gegensatz zu den alt hergelaufenen Jedi-Ritter*:Innen nichts erlernen oder wirklich üben muss. Sie hört einmal von der Macht und zehn Minuten später kann sie den Bösewichtern ihren Willen aufzwingen. Kaum das sie einmal ein Laserschwert in der Hand hat, kann sie dem supermächtigen Oberschurken – der sogar mit der Macht La|serstrahlen in der Luft aufhalten kann – kurz und klein schlagen. Nur eine explodierende Kampfstation rettet ihm für die nächsten beiden Teile das Leben.

Ebenso soll das bei Annalena nun alles auch anders gehen als früher bei den alten weißen Männern und kinderlosen Frauen. Denn Frauen, wenn sie sogar Mütter sind, können alles, was Männer können und sogar besser. Da lässt man am besten jeden Widerspruch. Die Frage nach Kompetenz gleicht da Blasphemie oder ist natürlich übler Sexismus.

Das erste Mal fiel diese Überheblichkeit bei der natürlich gestellten Mutterfrage auf. Schließlich hat sie zwei kleine Kinder und wenn 80 % der Frauen es als erstrebenswerten Luxus bezeichneten ihre Zeit von Erwerbsarbeit ungestört mit den Kindern zu verbringen, fragte man sich wie sie das Vereinbaren will. Sie antwortete nicht, wie es die alten Kanzlerkandidaten vermutlich gesagt hätten, wenn man sie je gefragt hätte: „Da wird sich in dieser Amtszeit meine Partnerin schwerpunktmäßig drum kümmern.“. Das „Annalenchen“ stellte es so dar, als würde eine Frau es natürlich problemlos schaffen eine Weltwirtschaftskrise und die Theateraufführung ihrer Kinder unter einen Hut zu bekommen. Dann wird das Kanzlerhandy mal ausgemacht.

Inzwischen hat sie wohl eingesehen, dass das wohl ziemlich naiv wirkt, so zu tun als sei die Doppelbelastung 80 Stunden Job und Mutterrolle ein Klacks, wenn normale Mütter oft schon mit 40 Stunden überfordert sind, wenn sie auch für ihre Kinder da sein wollen. Es folgte die Erklärung, dass ihr Mann in ihrer Amtszeit natürlich die Kinderbetreuung übernehmen würde. Supertyp. Würde ich auch machen, wenn meine Frau einen Job angeboten bekäme, mit dem sie genug für uns beide verdient, damit ich nur maximal Teilzeit arbeiten muss. Da denke ich nicht anders als die 80 % Frauen aus der Forbes-Umfrage und bezeichne das gerne als erstrebenswerten Luxus, nur das es für einen Mann noch ein viel größerer Luxus ist, weil Frauen, die soviel verdienen, selten Kinderbetreuer ehelichen.

Und die ganze Zeit ihrer Kanzlerkandidatur zog sich weiter so durch. Dass sie noch nie an einer Regierungsbildung beteiligt war, ist bei Annalena natürlich kein Bug, sondern ein Feature. Dass sie sich noch nie überlegen musste, wie man ein Gesetz gegen die Opposition durchsetzen, wenn die z.B. im Bundesrat die Mehrheit hat, soll bei ihr ebenso eher Vorteil als Mangel seien, weil … Na eine Frau wird das doch wohl auf dem Job lernen können.

Wer braucht schon eine Entwicklung, wenn er eine Frau ist?

Nicht nur sind diese feministischen Filmheldinnen Heldinnen langweilig, weil ihnen ohnehin alles gelingt, es keine Fallhöhe und kein wirkliches Risiko gibt. Im Film da kann sie es, weil der Drehbuchautor einfach schreibt „Sie kann es“, aber leider ist es in der Realität leider selten wie in der Matrix wo Neo nach einem Upload Jiu-Jitsu kann. Komplexe Jobs lernen sich nicht gut on the Job. Solche Jobs sind ähnlich, wie das Jump-Programm der Matrix, beim ersten Mal fällt sogar der Auserwählte. Ist schon gut, wenn man da nicht gleich in der ersten Reihe steht.

Modernen feministisch angehauchten Filmen brauchen keine Heldenreise, weil die Heldin doch eine Frau ist, die Qua Geschlecht alles besser kann und keine ernstzunehmenden Widersacher hat. Das Problem ist, dass nur Pipi Langstrumpf-Jüngerinnen ernsthaft daran glauben, dass man ohne eine Entwicklung und Reifung sein Potenzial so weit entfalten kann, damit man stark genug ist, um seine Nemesis zu besiegen. Sei die nun das Alien, der Terminator, Darth Vader, Imperator Palpatine oder ein alter weißer Mann, der einem den prestigeträchtigen Job wegschnappen will.

Patriarchat als Ausrede

Dass es in diesen feministischen Geschichten nicht um das Empowering von Frauen geht, welches sie dazu ermutigt alles in Angriff zu nehmen und jede Widrigkeit zu überwinden, um ihr Ziel zu erreichen, sieht man heute schon, wenn einige Frauen, sich ihr Scheitern von Kindheitsträumen lieber mit Verschwörungstheorien vom Patriarchat schön reden wollen.

Leider haben sie den Subtext von dem feministischen Versprechen der 70/80er nicht verstanden. „Ihr könnt alles werden, was ihr nur wollt“ heißte leider nicht „ihr Schnippt mit dem Finger und es ist da“. Der Subtext von „was ihr nur wollt“ ist „wenn ihr bereit seit euch auf dieses Ziel zu fokussieren und an eurem Potenzial zu arbeiten, euch auf diese Heldenreise begeben, um alle Hindernisse auf dem Weg zu beseitigen.“

Star Wars: Episode V - Das Imperium schlägt zurück (1980) - UNCUT
Viel zu lernen du noch hast junger Skywalker

Luke Skywalker hat viele Jahre Off-Screen-Zeit zwischen Episode IV und V trainiert, um sein simples Laserschwert aus dem Schnee zu ziehen und sich vor dem Wampa zu retten. Rey schafft es eine Woche nachdem sie das erste Mal von der Macht gehört hat, Tonnen von Geröll zu verschieben, um ihren Freunden den Fluchtweg freizumachen? Kein Wunder das kleine Mädchen da größenwahnsinnig werden und ein unüberwindliches Imperium wie das Patriarchat dafür verantwortlich machen, wenn sie doch nicht mit 25 Astronaut werden oder mit 40 Kanzlerinnenreife haben.

Hat mal jemand den Lebenslauf von Angela Merkel gelesen? Abitur mit 1,0. Parallel dazu schon Studium der Physik, sehr gutes Diplom, Dissertation mit 25 mit Magna cum Laude bewertet. Und trotzdem war Angela Merkel 8 Jahre Ministerin unter Kohl 2 Jahre Generalsekretärin, 5 Jahre Vorsitzende, bevor sie Kanzlerkandidatin wurde. Und wer glaubt, dass das nur so war, weil sie eine Frau wahr, dem will ich gar nicht erst mit dem Lebenslauf ihres Vorgängers Gehard Schröder anfangen, der mit 8 Menschen in einer 2 Zimmerwohnung groß wurde und keine Akademiker-Eltern hatte, die ihn durchs Abitur geschubst hätten. Sein patriarchaler Bonus bestand darin, dass er tatsächlich Jura studierte und 14 Jahre als Anwalt gearbeitet hat, und 6 Jahre Bundestagesmitglied war bevor er auch nur Spitzenkandidat für eine Landtagswahl wurde. Er war 8 Jahre Ministerpräsident, scheiterte einmal bei der Kanzlernominierung bis er mit Oskar Lafontaine, gegen Rudolph Sharping (den damals starken Mann der SPD) putschte und Rot/Grün zur Mehrheit führte. Man kann das mit den früheren Kandidaten so fortführen.

Vielleicht hätte sich Frau Baerbock auch ein Beispiel an ihrer Vorgängerin nehmen sollen. Angela Merkel hatte trotz ihres beeindruckenden Lebenslaufes und der Erfahrung aus der Regierung Kohl, bei der ersten Wahl unter ihrem Vorsitz die Kanzlerkandidatur einem alten weisen Mann gelassen. Edmund Stoiber scheiterte tragisch, daran das Schröder sich beim Oder-Hochwasser als Macher präsentieren könnte. Erst als Rot/Grün nach vielen verlorenen Landtagswahlen Sturmreif geschossen war, warf Merkel selber ihren Hut in den Ring. Und sein legendärer Satz aus der Elefantenrunde „meine SPD wird sie doch nie zur Kanzlerin wählen“ bewahrheitete sich nur, weil es danach nicht mehr „seine“ SPD war.

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