Der kleine aber feine Unterschied

Nachdem ich kürzlich ein Interview der ARD mit der Bloggerin Anne Wizorek zur Themenwoche Toleranz gelesen habe, bin ich das erste Mal über diese neue Königsdisziplin der neuen Gutmenschen gestolpert. Nicht mehr Toleranz ist das Markenzeichen eines guten Menschen heutzutage, denn nach Frau Wizorek gilt „wenn jemand toleriert, also geduldet wird, gibt es auch immer jemanden, der darüber entscheiden kann, ob diese Toleranz überhaupt gewährt wird.“ Deshalb muss sich der gute Mensch heutzutage also in Akzeptanz üben. Leider wurde hier nicht der kritische Einwand gemacht, wieso es sich den bei der Akzeptanz Machtpolitisch anders verhielte, und ob es da nicht auch jemanden gibt, der darüber entscheiden kann ob Akzeptanz aufgebracht wird oder nicht (wie Frau Wizorek ja am Beispiel der NSU Untaten und Nazi-Aufmärsche in Köln demonstriert). Die Antwort hätte ich doch gerne gelesen. Es wirkt fast so, als versuche sich hier die Elite der akzeptierenden Gutmenschen vom Pöbel der Toleranten zu distanzieren, denn abgesehen von AFD-Anhängern und NPD-Wählern wird ja heute wohl kaum noch jemand von sich sagen wollen, dass er nicht tolerant ist. Als Deutscher wäre das schließlich der erste Schritt in finstere Vorzeit. Nun, da ich Frau Wizorek bislang immer in die Ecke der feministischen Heulsusen gesteckt hatte, die (wie gefühlte 80 % ihrer Mitschreiberinnen unter dem #Aufschrei) ein freundliches „Hi“ für die Legitimation einer Sexual Harassment-Klage halten , habe ich mir nicht wirklich viel Gedanken gemacht, über dieses Versuch aus Gutmenschen einen Bessermenschen zu machen, bis ich nun las, dass Birte Kelle („Wir müssen es verteidigen, dass wir sagen dürfen, dass die Ehe von Mann und Frau etwas ist, das wir erstrebenswerter finden. Das ist völlig legitim.“) in einer Talkshow auf ihren Hinweis, dass sie Schwule Freunde habe, und deren Vorstellungen auch toleriere von Sandra Maischberger inquisitorisch gefragt wurde „Tolerieren Sie nur, oder akzeptieren Sie?“ als wäre „Toleranz“ nur ein Gutmenschentum zweiter Klasse, welches es zu überwinden gilt. Mein erster Gedanke war, ob sich diese Menschen eigentlich mal über den Umgangssprachlichen Gebrauch dieser Wörter Gedanken machen. Als Beispiel: Wenn ich der einzige schwule Sohn meiner Mutter wäre, dann würde es bedenklicher finden, wenn sie mir sagte „Ich akzeptiere es das du Schwul bist“, denn da klingt so ein fatalistisches „Ich kann ja sowieso nichts dagegen machen, also muss ich das wohl akzeptieren, wenn ich dich nicht enterben und in die Wüste schicken will“ durch und man erwartet fast den Satz „aber anders wäre es mir lieber.“ Oder „aber bitte lass das die Nachbarn nicht wissen.“ Wenn sie mir hingegen sagte: „Du bist schwul? ach das ist okay“ und sie das dann tolerierte wäre ich glaube ich wesentlich glücklicher, denn ich würde ja nicht erwarten, dass sie Homosexualität plötzlich für etwas Tolles hält, ebenso wie ein homosxueller meine Heterosexualität nicht für einen Grund zum Freudenfest halten muss, oder ein verklemter Menschen meine promiskuitive Vergangenheit begeisternswert finden muss. Ich sprach meinen Freund Klaus auf diese sprachlichen Feinheiten an. Der ist selbstständig, aber leider ein bekennender Bürokratielegastheniker. Er verdient zwar ganz gutes Geld, aber da er immer wieder Termine für Steuereinreichungen verpasst, wird er geschätzt und steht plötzlich vor fünfstelligen Zahlungsforderungen, für die er Ratenzahlungen beantragen muss. Der meinte spontan:

„Mir wäre es wesentlich lieber, wenn meine Sachbearbeiterin im Finanzamt es toleriert, dass mein Verhältnis zur Bürokratie ihrer diametral entgegensteht, dann bräuchte ich nicht immer so lange mit schlechtem Gewissen mit ihr Diskutieren, und sie würde nicht jedes Jahr wieder mit der Erwartung kommen, dass ich das diesmal besser mache.“

Akzeptieren von Homosexualität implizierte für ihn, die Hoffnung, die nächste Lebensabschnittsbegleitung hätte Brüste, ebenso wie die Frau vom Finanzamt, die Ratenzahlungantrag nur akzeptiert, weil sie weiss dass mit einer Pfändung da nicht mehr zu holen wäre, und nicht weil sie sich denkt: „Der ist keine böser Mensch, der ist nur ein Chaot und solange wir unser Geld kriegen…“ und damit seine bürokratische Unfähigkeit toleriert.

Meine Frau wiederrum kam mit einem anderen Verständnis um die Ecke. Für Sie beinhaltete Toleranz, die wohlwollende Haltung, dass es Menschen gibt, die anders als man selber glücklich werden. Während Akzeptanz beinhaltete, dass man das „Andere“ auch als Gut anerkennt, und ggf. für sich selber als gut annimmt.  Nach dem Motto, wenn mein Sohn mir sagt, dass er schwul wäre reicht es nicht, wenn ich sage „Das ist okay, wenn du damit glücklich wirst“ ich muss dann künftig sagen: „Es das finde ich voll gut. Ey. Ist ja vielleicht eine Erfahrung.“ Nicht wirklich, oder? Wenn man sich die Definitionen unter Wikipedia ansieht wird Akzeptanz (von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen, billigen) folgendermassen definiert: „…ist eine Substantivierung des Verbes akzeptieren, welches verstanden wird als annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein.“ Gut im Falle vom Coming out eines Bekannten  sind die Begriffe „einwilligen“,“ hinnehmen“, „billigen“ kaum als eine besonders bemerkenswerte Charakterleistung zu sehen:

„Papa ich bin Schwul“ „Da willige ich ein, mein sohn. Das bist du.“

„Papa ich bin Schwul“ „Das nehme ich so hin mein Sohn“ (wo wir ungefähr bei meinem Vergleich mit meiner Mutter wären).

„Papa ich bin Schwul“ „Das billige ich dir, mein Sohn.“

„Annehmen“ ist in diesem Zusammenhang wohl kaum höher zu bewerten als tolerieren. „Anerkennen“ würde wieder die Frage aufwerfen, ob die sexuelle Orientierung plötzlich doch eine Leistung ist die Anerkennung verdient? Vielleicht in der Form:

„Papa ich habe den neuen Sexualkunderunterricht mitgemacht und bin trotzdem noch ein heterosexueller Junge“ „Anerkennung mein Großer. Das war eine gute Leistung“?

Und bei „einverstanden sein“ stellt ja doch die Frage, auf welches Selbstherrlichkeitstreppchen man sich als Gutmensch noch stellen möchte, wie die negativform deutlich macht:

„Papa ich bin schwul“ „Damit bin ich nicht einverstanden mein Sohn.“

Klingt eher nach Loriot als wirklich nach menschlicher Größe? Da soll“Akzeptanz“ die neue Stufe zum Jedi-Meister der Toleranz sein, welche wie folgt definiert wird:

„Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht.“

Ich vermute eher, dass hier Menschen, die mit Toleranzforderung nur noch ein Gähnen oder Unverständnis erzeugen, eine neue Steigerung brauchen, damit sie noch jemanden zu finden, der ihre Forderung noch ernst nehmen kann. Denn heute präsentiert man sich schon sehr als ewiggestrige wenn man damit Probleme hat, das ein Lehrer oder Bürgermeister homosexuell ist. Das sind Schreckgespenste der Intoleranz, welche heutzutage nicht mehr mehrheitsfähig sind. Ebensowenig wie eine Frau an der Spitze eines DAX-Konzerns bei 95% der Männer keine Überlebensängste auslöst, sind starke Frauen kein Problem, sondern eine Erleichterung des Umgangs. Problematisch wird es nur, wenn Gleichberechtigung als weibliche Rosinenpickerei betrieben wird, bei der die Probleme der zweiten Hälfte der Menschenheit einfach ignoriert werden. ein HeForShe, welches des SheForHe nicht mitdenkt, kann insofern nur ein Blindgänger werden. Da wird auf die die Steigerung des Gutemnschentum durch Begrifssverwirrung nichts dran ändern.

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